Langlebigkeit und Vorsorge

WIP-Analyse Juni 2026

Dr. Tatjana Begerow, Martin Fleischer, Elnaz Seraj, Dr. Frank Wild

Die Studie, die gemeinsam mit der Versicherungskammer Bayern (VKB) durchgeführt wurde, basiert auf einer repräsentativen Befragung von 3.000 Personen in Deutschland und untersucht Einstellungen zum Altwerden sowie das Vorsorgeverhalten in den Bereichen Gesundheit, Finanzen und rechtlich-organisatorische Vorsorge. Die WIP-Analyse ordnet die Befragungsergebnisse auch in den wissenschaftlichen Forschungsstand ein.

Die zentralen Ergebnisse:

  • Langlebigkeit wird ambivalent bewertet: 38 % der Befragten bewerten die Vorstellung, 100 Jahre alt zu werden, positiv, 32 % eher negativ. Viele verbinden damit mehr Zeit mit Familie und Freunden, gleichzeitig bestehen Sorgen vor Pflegebedürftigkeit, finanzieller Unsicherheit und sozialer Isolation.
  • Als Vorsorgemaßnahmen werden vor allem gesundheitliche Aspekte gesehen: 80 % sehen regelmäßige körperliche Aktivität und 80 % regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen als geeignete Maßnahmen an. Auch rechtlich-organisatorische Vorsorge wird von einer deutlichen Mehrheit als wichtig bewertet. Dagegen wird die finanzielle Vorsorge mit Zustimmungswerten von 49 % bis 65 % etwas zurückhaltender als relevant bewertet.
  • Zwischen Vorsorgebewusstsein und tatsächlichem Handeln bestehen erhebliche Lücken: Obwohl viele Maßnahmen als sinnvoll angesehen werden, werden sie oft nicht umgesetzt. Besonders groß sind die Lücken bei der Risikoabsicherung bzw. beim Abschluss von Zusatzversicherungen, bei der Vermeidung von übermäßigem Medien- und Gerätekonsum („Digital Detox“), bei Stressbewältigung und ausreichend Schlaf, bei der Vorbereitung eines altersgerechten Wohnens und bei Vollmachten und Nachlassregelungen.
  • Die WHO-Empfehlungen zur körperlichen Aktivität werden sehr unterschiedlich umgesetzt: 10% der Befragten geben an keinerlei körperlichen Aktivitäten pro Woche nachzugehen, weitere 20 % erreichen weniger als 1 Stunde pro Woche. Demgegenüber sind rund 20 % der Menschen mehr als vier Stunden in der Woche sportlich aktiv. Die WHO empfiehlt mindestens 2,5 Stunden moderate körperliche Aktivität pro Woche.
  • Durchschnittlich werden rund 184 Euro pro Monat für die finanzielle Vorsorge aufgewendet. Etwa ein Fünftel (19 %) betreibt keinerlei finanzielle Vorsorge.
    Vorsorgeverhalten ist nur begrenzt durch soziodemografische Merkmale erklärbar: Alter, Geschlecht oder Einkommen erklären das Vorsorgeverhalten nur zu einem kleinen Teil. Wichtiger sind die persönliche Relevanzeinschätzung von Vorsorge sowie eine grundsätzlich zukunftsorientierte Haltung („Mindset“)
    Digitale Gesundheitstechnologien werden noch wenig genutzt: Die größte Verbreitung findet sich bei Gesundheits-Apps und Wearables, die von 28 % der Befragten regelmäßig genutzt werden. Die individuelle Erfassung von Gesundheitsparametern durch Wearables führt bei 16 % der Befragten zu häufigeren Arztbesuchen, bei 21 % dagegen zu weniger Arztbesuchen.

Als übergreifende Botschaften lassen sich aus den Ergebnissen folgende Aussagen ableiten:

Die Schlüssel für mehr Vorsorge sind positive Zukunftsaussichten, finanzielle Handlungsspielräume und verlässliche Rahmenbedingungen, zu denen auch konsistente politische Signale zur Rolle individueller Eigenvorsorge gehören.
Gesundheits- und Finanzkompetenz sind zentrale Voraussetzungen für wirksame Eigenvorsorge. Diese Kompetenzen sollten deshalb über alle Lebensphasen hinweg stärker gefördert werden.

Die demografische Entwicklung erhöht nicht nur die Anforderungen an die sozialen Sicherungssysteme, sondern führt auch zu wachsenden Herausforderungen in allen Bereichen der individuellen Vorsorge (Gesundheit, Finanzen, Organisation). Hier können Versicherungsunternehmen eine wichtige unterstützende Rolle übernehmen.
Die Gesellschaft ist auf ein langes Leben noch nicht ausreichend vorbereitet.

 

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